Interview mit Mohamad aus Syrien, Auszubildender im Salon Laetitia Berlin – eine Erfolgsgeschichte

Wir befinden uns mitten in der Stadt in der Kantstraße. Viele Geschäfte säumen die einstige Prachtstraße. In einem der Geschäfte bin ich heute verabredet, um eine Erfolgsgeschichte zu dokumentieren. Es handelt sich um das Laetitia Coiffeur mit der Inhaberin Emine El Mahmoud, die bereits im November 2015 der größten Flüchtlingsunterkunft „Altes Rathaus Wilmersdorf“ in Zusammenarbeit mit der Firma Stopperka Hair&Cosmetics Hamburg einen kompletten Friseursalon mit 4 Plätzen spendete.

Die Inhaberin, eine nicht unbekannte Friseurmeisterin in Berlin, zeigt mir gern ihr Geschäft. Hell und freundlich mit weißen und schwarzen Möbeln und großzügigen Plätzen. Nicht diese Enge, wie in manch anderen Geschäften, wo man denkt, man sitzt schon im Flugzeug!

Kaffee und Tee wird kredenzt, aber auch mal ein Glas Sekt, wenn es die Kundschaft wünscht.
Freundlich geht es zu – auch ein Hundetier träumt seelenruhig unter dem Stuhl seines Frauchens. Nur ab und zu schaut er neugierig auf, wenn der Föhn seine heißen Runden dreht.

Für das Führen eines Friseurgeschäftes braucht man natürlich auch Mitarbeiter, und um einen der Auszubildenden geht es in diesem Bericht.

Mir gegenüber sitzt ein höflicher junger Mann mit einem rundherum korrekten Auftreten. In fast akzentfreiem Deutsch fragt er, ob ich einen Kaffee möchte, was ich natürlich mit einem herzlichen Ja beantworte – erst jetzt nehme ich die klaren freundlichen Augen wahr.

Doch was er mir von seiner Odyssee von Syrien nach Deutschland berichtet, lässt einem das Blut gefrieren! Ich bin gewiß durch meinen Beruf und meine tägliche Arbeit Einiges gewöhnt, und trotzdem holt einen das Leid immer wieder ein!

Der junge Mann mit dem Namen Mohamad Rachid ist Auszubildender seit dem 01.August 2018.
Er ist 19 Jahre alt, hat noch 4 Schwestern und einen Bruder. Mit seinen Eltern ist er nun gemeinsam in Deutschland. Alle Geschwister und auch die Eltern gehen in die Schule. Die Familie stammt aus Aleppo und hat furchtbares Leid durchlebt.

Die ständigen Bombenangriffe und die akute Nahrungsmittelknappheit veranlassten die Eltern, mit Ihren Kindern in die Türkei zu fliehen. In dem Dorf Mersin sind sie letztlich gestrandet. Mohamad musste in einem Großmarkt arbeiten, um für die Familie etwas Geld zu verdienen, denn auch die Kosten in der Türkei waren nicht unerheblich. An Schule bzw. Ausbildung für die Kinder war nicht mehr zu denken.

Für die Eltern und die Geschwister war es eine unerträgliche Tortur. So jung und schon auf der Flucht und kaum noch Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit! Ungefähr 1 Jahr und 8 Monate waren sie in der Türkei, als die Eltern den Entschluss fassten, die Türkei zu verlassen, um für die Kinder  bessere Chancen des Lebens zu ergreifen. Zurück konnten sie nicht mehr – der Krieg hielt unvermindert an!

Der Vater versuchte es auf einem Boot nach Griechenland. Doch dieses Boot war 10 Tage mit einem Motorschaden auf See, als die griechische Polizei sie rettete. Dann ging es zu Fuß über Makedonien, Bulgarien, Serbien in Richtung Österreich. Von dort aus weiter nach Hamburg und Berlin. Erst in Berlin fand der Vater Hilfe und Unterstützung. Seine Frau, aber auch die Kinder waren ebenfalls zu Fuß unterwegs und gingen den ähnlichen Weg wie der Vater.

Am 15.12.2016 war die Familie endlich wieder vereint und konnte sich nun auf das neue Leben in einem fremden Land vorbereiten. Die Eltern und größeren Geschwister lassen dafür nichts unversucht. Mohamad absolvierte den Abschluss der neunten Klasse mit sehr guten Noten und alle lernten fleißig die deutsche Sprache, da sie ja nur in Kenntnis der Sprache in diesem Land ihr Leben aufbauen konnten.

 


Die ältere Schwester war auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz für den jüngeren Bruder und  im Juli 2018 hatte sie endlich Glück! Emine El Mahmoud räumte ein 14- tägiges Praktikum ein, um zu erkennen, wie Mohamad im und mit dem Kundenkreis agiert und ob er zum Team passt.

Die Anforderungen sind hoch und Emine El Mahmoud ist eine strenge, aber jederzeit korrekte Meisterin. Sie sieht auf Anhieb, wer zu diesem Beruf passt. Mohamad war ein Glücksgriff!
Seine Korrektheit, seine Pünktlichkeit und nicht zuletzt sein höfliches, respektvolles Auftreten überzeugten sie, diesem jungen Mann eine Chance zu geben.

Am 01. August war es soweit und Mohamad unterschrieb seinen, auf 3 Jahre dauernden Ausbildungsvertrag. Die theoretische Ausbildung absolviert er im OSZ Wilmersdorf. Es ist für den jungen Mann nicht ganz einfach, weil er auch noch gleichzeitig seinen Führerschein erwerben will.

 

Seine noch verbleibende Freizeit nutzt er für sportlichen Aktivitäten oder er trifft sich mit Freunden. Zudem entdeckt er auch Berlin zu Fuß und findet diese Stadt an der Spree einfach großartig!

Noch wohnt die Familie in einem Wohnheim in Reinickendorf und ist auf Wohnungssuche.
Auf meine Frage, ob sie denn wieder zurück möchten, kommt ein klares Nein!

 

Integration ist eine gesellschaftliche Aufgabe für alle Beteiligten. Sicher gibt es tausende solcher Erfolgsgeschichten, das geht aber nur im gemeinsamen Handeln.

 

Danke an Friseurmeisterin Emine El Mamoud für diese wunderbare Arbeit.

 

Wir werden den jungen Mann im nächsten Jahr wieder aufsuchen wenn er, so hoffe ich, dass zweite Lehrjahr begonnen hat.

Das Gespräch führte Thomas de Vachroi im Auftrag von Berlin-24TV 18.03.2019

 

Bildrechte durch Emine El Mahmoud Coiffeur Laetitia